Reinkarnation wird auch Wiedergeburt oder Seelenwanderung genannt. Der Begriff hat lateinische Wurzeln und setzt sich aus den Bestandteilen re = zurück und carnis = Fleisch zusammen. Wörtlich bedeutet er etwa Wiederfleischwerdung oder Wiederverkörperung.
Die Reinkarnationslehre besagt, dass die Seele beim Tod eines Lebewesens nicht zusammen mit dem Körper stirbt, sondern nach einiger Zeit in einem anderen Körper wiedergeboren wird und so einen weiteren Lebenszyklus durchläuft. Zwischen Tod und erneuter Geburt hält sich die körperlose Seele in einem geistigen Zwischenreich auf. Die Anzahl von Lebenszyklen, die eine Seele durchlaufen muss, ist prinzipiell nicht begrenzt. Die meisten Vertreter der Reinkarnationslehre gehen aber davon aus, dass eine Seele nach einer sehr großen Anzahl durchlebter Leben schließlich aus dem Kreislauf der Wiedergeburten ausscheidet und damit erlöst wird.
Die Reinkarnationslehre steht in engem Zusammenhang mit der Lehre vom Karma und hat dadurch entscheidenden Einfluss auf das Leben ihrer Anhänger. Unter Karma versteht man die Summe der moralisch guten und schlechten Taten, die ein Mensch in seinem Leben begangen hat. Die Lehre vom Karma setzt eine allumfassende kosmische Gerechtigkeit voraus. Das bedeutet, dass nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung jede gute Tat belohnt und jede schlechte Tat bestraft wird.
Nun zeigt die Beobachtung der Realität jedoch, dass gute Menschen oftmals unschuldig leiden müssen und Verbrecher durchaus nicht immer angemessen bestraft werden. Für diese moralische Unzulänglichkeit der gegenwärtigen Welt bietet die Karmalehre eine Erklärung. Es zählen nämlich nicht nur die guten und schlechten Taten, die man in seinem jetzigen Leben begangen hat, sondern auch diejenigen aus früheren Inkarnationen. Es ist also denkbar, dass unerklärliche Schicksalsschläge, die einen scheinbar unschuldigen Menschen heimsuchen, die Folgen moralisch schlechter Taten sind, die dieser in einem früheren Leben begangen hat. Umgekehrt darf man sich darauf verlassen, dass den Verbrecher, der in seinem jetzigen Leben straflos ausgeht, in einer späteren Verkörperung die gerechte Strafe ereilen wird.
Die Reinkarnationslehre hat eine sehr lange Tradition. Im östlichen Kulturkreis ist sie seit jeher zentraler Bestandteil der dort vorherrschenden Religionen, des Hinduismus und des Buddhismus. Während der Hinduismus wie die meisten heutigen Anhänger der Reinkarnationslehre im Westen von einer individuellen Seele ausgeht, die verschiedene Verkörperungen durchlebt, liegt dem Buddhismus eine etwas abstraktere Vorstellung zugrunde. Danach gibt es keine eigentliche Seele oder Persönlichkeit, die den Tod überdauert und die wiedergeboren wird, sondern es ist nur das Karma, die Summe der guten und schlechten Taten, das erneut nach Verkörperung drängt. Sowohl im Hinduismus als auch im Buddhismus ist die Reinkarnation nicht auf den menschlichen Bereich beschränkt. Je nach erreichtem Karma kann eine Seele auch als Tier, Dämon oder Gott wiedergeboren werden.
In Europa finden sich die ersten Überlieferungen eines Glaubens an die Seelenwanderung in der griechischen Antike. Neben Pythagoras, der lange als ihr ältester Anhänger betrachtet wurde, vertraten vor allem Empedokles und Platon in ihren Schriften eine Reinkarnationslehre, die im Wesentlichen den hinduistischen und buddhistischen Vorstellungen gleicht.
Im Judentum, Christentum und Islam spielt die Reinkarnationslehre keine Rolle. Während der Vormachtstellung des Christentums vom Mittelalter bis zur Neuzeit sind es daher immer nur vereinzelte Splittergruppen wie zum Beispiel die Katharer, die an Reinkarnation glauben. Obwohl die Katharer oder Albigenser sich als christliche Glaubensgemeinschaft verstanden, wurden sie von der christlichen Kirche als Häretiker verfolgt und durch die Inquisition vernichtet.
Mit dem Aufkommen der Esoterik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fanden viele Vorstellungen aus östlichen Religionen Eingang in westliche Denkweisen. Dadurch gewinnt auch die Reinkarnationslehre immer mehr Anhänger in Europa. Bedeutende Vertreter dieser neuen Richtungen sind zum Beispiel der französische Arzt und Spiritist Allan Kardec, der auch als Erster den Begriff Reinkarnation prägte, Helena Petrovna Blavatsky, Autorin der Geheimlehre und Begründerin der Theosophie, und Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie. Seit diesen frühen esoterischen Gesellschaften sind unzählige weitere Gruppierungen entstanden. Obwohl diese sich in ihren Überzeugungen zum Teil stark unterscheiden, gehört Reinkarnation zu den Kernbestandteilen vieler Lehren.
Bei der Aneignung der ursprünglich im Osten beheimateten Reinkarnationslehre durch westliche Glaubensrichtungen und Gruppierungen hat sich ein grundlegender Unterschied herausgebildet. Während sowohl im Hinduismus als auch im Buddhismus das erstrebte Ziel in der letztendlichen Erlösung aus dem Kreislauf der Wiedergeburten und damit gewissermaßen in einer Verneinung des Lebens an sich besteht, interpretieren westliche Richtungen die Aufeinanderfolge der durchlebten Inkarnationen eher als Chance zur Fortentwicklung und Vervollkommnung des einzelnen Menschen.
Reinkarnationstherapie ist eine Therapieform, die die Vorstellung der Seelenwanderung als Erklärungsmodell für menschliche Probleme und als Lösungsansatz benutzt. Dabei unterscheidet man zwei Richtungen: den esoterischen und den psychotherapeutischen Ansatz.
Die esoterische Form der Reinkarnationstherapie versucht Menschen zu helfen, die an der Lösung ihrer persönlichen Probleme bisher gescheitert sind, weil sie einfach keine Erklärung dafür finden. Der Therapeut versucht nun zusammen mit dem Patienten, Konflikte und Ursachen der Probleme in früheren Leben zu finden. Durch verschiedene therapeutische Methoden lernen die Patienten, sich an ihre früheren Leben zu erinnern. Oft finden sich dann die Ursachen für unerklärliche Hemmungen und Ängste. Zum Beispiel könnte jemand mit einer unüberwindlichen Flugangst in seinem früheren Leben eine Flugzeugkatastrophe erlebt haben. Das Wissen darum wird es ihm auf jeden Fall erleichtern, seine Ängste zu verstehen, und kann ihm helfen, sie zu überwinden.
Viele Menschen leiden auch unter starken Schuldgefühlen, für die sie keine rationale Erklärung finden. Oder sie haben unter so vielen negativen Erfahrungen zu leiden, dass sie sich vom Schicksal ungerecht behandelt fühlen. Durch eine Reinkarnationstherapie wird diesen Menschen ihr Karma bewusst, das sie aus ihren früheren Verkörperungen mit sich tragen, und sie können nun Zusammenhänge zwischen den Taten in ihrem früheren Leben und ihren gegenwärtigen Erlebnissen erkennen. Das Gefühl der Schuld ist vielleicht berechtigt, wenn sie die Taten aus ihrem früheren Leben betrachten. Und auch negative Erlebnisse wirken dann vielleicht nicht mehr so ungerecht.
Durch die Therapie haben solche Patienten die Chance, zu lernen, die mitgebrachte Schuld aus der Vergangenheit als Teil ihrer Persönlichkeit anzunehmen und sich mit den Folgen, die diese Schuld für ihr gegenwärtiges Leben hat, auszusöhnen. Es wird ihnen leichter fallen, ihre Lebensumstände zu akzeptieren, wenn sie sie als notwendige Folge von Geschehnissen aus der Vergangenheit verstehen. Sie können nun auch lernen, sich selbst zu vergeben und sich innerlich von ihrer Schuld zu lösen. Dieses innere Loslassen bewirkt eine Entkrampfung und wird es ihnen auch erleichtern, an der Lösung ihrer Probleme zu arbeiten.
Damit eine Reinkarnationstherapie Wirkung zeigt, ist es jedoch nicht unbedingt nötig, dass der Patient an Reinkarnation glaubt. Eine wirksame Therapie allein ist auch noch kein Beweis für die Reinkarnationslehre. Die therapeutischen Prozesse, die zur Heilung führen, lassen sich auch anders erklären.
Die Rückerinnerungen, die ein Patient während der Therapie erlebt, werden oft als symbolische Bildersprache des Unbewussten gedeutet, durch die der Patient seine inneren Konflikte ausdrückt. Insofern ähneln diese Erinnerungen einer als Katathymes Bilderleben bekannten Therapieform, die von Hanscarl Leuner begründet wurde. Im Gegensatz zur Reinkarnationstherapie ist die Bildersprache im Katathymen Bilderleben jedoch stärker standardisiert. Es gibt gewisse Grundmotive wie etwa Wiese, Bach und Haus, deren Bedeutung bereits gut erforscht ist und die sich daher leicht deuten lassen.
Die Erinnerung an ein früheres Leben ist natürlich weitaus komplexer und erfordert mehr Beschäftigung mit der individuellen Geschichte eines bestimmten Patienten. Die Kunst des Therapeuten besteht darin, zusammen mit dem Patienten die richtige Interpretation für die symbolischen Bilder zu finden. Oft wirkt dann schon die bloße Bewusstwerdung der inneren Konflikte heilsam auf den Patienten. Er fühlt sich nicht mehr unbekannten Mächten ausgeliefert, sondern lernt sein Leben durch die Kraft der Gedanken wieder selbst zu beherrschen.
Entdeckt er in seinem früheren Leben ungelöste Konflikte und Ursachen für Schuldgefühle, so geht der Heilungsprozess im Grunde genauso vonstatten wie bei der esoterischen Form der Reinkarnationstherapie. Der Unterschied besteht nur darin, dass Patient und Therapeut die erlebten Bilder nicht als reale Erinnerungen an ein wirkliches früheres Leben verstehen, sondern als symbolischen Ausdruck von Konflikten, die im Unbewussten des Patienten selbst in seinem gegenwärtigen Leben liegen.
Wie jede Therapieform beginnt auch eine Reinkarnationstherapie im Allgemeinen zunächst mit einem Gespräch zwischen Therapeut und Patient. Es erfolgt eine Bestandsaufnahme des bestehenden Zustands, der psychischen Probleme des Patienten und seiner Erwartungen an die Therapie.
Vor der eigentlichen Rückerinnerung verwenden einige Therapeuten bestimmte Techniken wie etwa Hypnose oder Hyperventilation, um beim Patienten eine Trance auszulösen, die das Aufsteigen von Bildern aus dem Unbewussten begünstigt. Unbedingt nötig sind solche Techniken jedoch nicht. Auch Meditation oder Übungen zur Tiefenentspannung können helfen, Blockaden abzubauen, um die tieferen Schichten der Seele zu erreichen. Der wichtigste Teil der Therapie besteht jedoch nicht in der Erzeugung der Bilder, sondern in ihrer Deutung und der Auseinandersetzung mit den erlebten Erinnerungen.
Menschen, die an einer ernsthaften psychischen Erkrankung leiden oder sehr labil sind, sollten bei der Anwendung der Reinkarnationstherapie Vorsicht walten lassen, da sich die aufsteigenden Bilder und Erlebnisse für sie als zu belastend erweisen könnten. Selbstverständlich sollte diese Therapieform gerade in schwierigen Fällen nur unter Aufsicht eines ausgebildeten Therapeuten durchgeführt werden.
Ein Nebengebiet der Reinkarnationslehre ist die Reinkarnationsforschung, die versucht, Beweise für Reinkarnationen zu finden. Der bekannteste Vertreter dieses Gebiets ist der kanadische Arzt und Psychiater Ian Stevenson. Er untersuchte zahlreiche Fälle von spontanen, das heißt nicht durch Hypnose oder andere Methoden ausgelöste Rückerinnerungen an ein früheres Leben bei Kindern. Er ging bei seinen Untersuchungen nach wissenschaftlichen Prinzipien vor und bezog auch andere mögliche Erklärungen für die Rückerinnerungen der Kinder in seine Überlegungen mit ein. Dabei kam er zu dem Ergebnis, dass es auch nach Ausschluss aller Fälle, die sich auf andere Weise erklären lassen, immer noch eine große Zahl von Rückerinnerungen gebe, die Reinkarnation als plausibelste Erklärung nahelegen.
Die Reinkarnationstherapie wurde in Deutschland in den 1970er Jahren von Thorwald Dethlefsen entwickelt. Er war jedoch eher Theoretiker als praktischer Therapeut und tat sich daher eher als Schriftsteller hervor. Später gründete er die Kawwana - Kirche des Neuen Äon, deren Tempel des Höchsten Gottes in München er 2009 wieder abreißen ließ, da die Kirche ihren Auftrag erfüllt habe.
Als Therapeut fand Dethlefsen zahlreiche Nachfolger. Heute bieten viele Therapeuten die Reinkarnationstherapie an, zumeist nach dem psychotherapeutischen Ansatz, der den Glauben an Reinkarnation nicht voraussetzt. Sehr bekannte Vertreter sind Rüdiger Dahlke, Jan Erik Sigdell, Baldur Ebertin und Ingrid Vallieres.
Die christlichen Kirchen lehnen die Reinkarnationslehre ab. Sie behaupten zwar ebenfalls die Unsterblichkeit der menschlichen Seele, glauben aber an die Verbundenheit der Seele mit nur einem einzigen Körper und daher auch an die Auferstehung von Seele und Leib. Mit der Lehre von der Erbsünde besitzt die christliche Kirche allerdings auch ein Konzept von überindividueller Schuld, das jedoch auf alle Menschen in gleicher Weise zutrifft. Untrennbar mit dem Christentum verbunden ist auch die Vorstellung von der Gnade Gottes, die unabdingbar ist, um den Menschen von seiner Schuld zu erlösen. Dies widerspricht der Auffassung der meisten östlichen Glaubensrichtungen, wonach der Mensch es in der Hand hat, sich durch Mitleid und gute Taten im Laufe vieler Wiedergeburten selbst zu erlösen.
Wie das Christentum, so lehnen auch das Judentum und die offizielle Lehre des Islam die Reinkarnationslehre ab. Jedoch gibt es auch hier vereinzelte Abweichler und gewisse mystische Bewegungen wie den Sufismus, zu deren Überzeugungen auch die Seelenwanderung gehört.
Thorwald Dethlefsen: Das Leben nach dem Leben. Goldmann 1984.
Thorwald Dethlefsen: Das Erlebnis der Wiedergeburt. Heilung durch Reinkarnation. Goldmann 1984.
Helmut Obst: Reinkarnation. Weltgeschichte einer Idee. München: C. H. Beck 2009.
Perry Schmidt-Leukel (Hg.): Die Idee der Reinkarnation in Ost und West. München: Diederichs 1996.
Jan Erik Sigdell: Rückführung in frühere Leben. München: Ansata 2006.
Ausführlicher Wikipedia-Artikel zu Reinkarnation
Kurzer Wikipedia-Artikel zu Reinkarnationstherapie
Ausführlicher Wikipedia-Artikel zur Reinkarnationsforschung mit Beschreibung von Einzelfällen
Eine kritische Auseinandersetzung mit der Reinkarnations- und Karmalehre aus christlicher Sicht des international bekannten dänischen Theologen Prof. Dr. Johannes Aargaard
Eine Verteidigung der Reinkarnationslehre eines christlichen Theologen in Form eines Interviews
Geeignete Therapeuten für eine Reinkarnationstherapie findest Du zum Beispiel auf www.therapeutenfinder.com, auf www.therapeuten.de und beim Internationalen Verband von Reinkarnationstherapeuten - RiV.
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Sandra aus Köln